
Henning und Thimo rollen gegen den Strom. Behelmte Brigaden kommen ihnen entgegen, als sie mit ihrem Laborwagen aufs Gelände der Ferus-Smit-Werft in Leer fahren und am Fuße des Krans parken, unterhalb der „Thun Response“, die auf der Helling gerade fertiggestellt wird. Feierabend für die Werftarbeiter, Schichtbeginn für unsere Werkstoffprüfer.
Winzig wirken sie neben dem Rumpf des Neubaus, den die Werft für die schwedische Erik-Thun-Gruppe fertigt: die „Thun Response“. 115 Meter lang, 16 Meter breit. Es ist der fünfte in einer Serie von acht Spezialtankern, die in Leer für die Reederei entstehen.
Rund 50 Treppenstufen müssen die beiden an der Bordwand aufwärts klettern, bis sie an Deck gelangt sind. Noch liegt das Schiff fest auf Pallen an der Helling. Doch der Stapellauf rückt näher.
Unter Deck Tanks mit fast 10.000 Kubikmetern Fassungsvolumen. Auf Deck ein Labyrinth aus Rohrleitungen. Sie führen zu den verschiedenen Tanks, zu Pumpen, zu Verteilern.
Bloß keine Fehlstellen
Die Rohrsysteme sind ebenso verschweißt wie die Stahlbleche, aus denen sich das ganze Schiff zusammensetzt. Später können sie unter Druck stehen, vibrieren, Temperaturwechsel mitnehmen und dem jeweiligen Medium ausgesetzt sein. Dort, ebenso wie in der Außenhaut, in den Tanks und in tragenden Teilen des Schiffes, ist es essenziell, dass die Schweißnähte sauber sind. Keine Poren, keine Schlackeneinschlüsse, keine Bindefehler, keine Risse.
Ein Schiff ist ein geschweißtes Bauwerk, das in Fahrt andauernd arbeitet: Es trägt Last, pflügt durch Seegang, vibriert, nimmt Temperaturwechsel mit, muss immense Druck- und Zugkräfte aushalten. In einem Tanker kommen Ladung, Dämpfe, Druckverhältnisse hinzu – und Stoffe, die auf keinen Fall unkontrolliert austreten dürfen.
Damit keine kritische Fehlstelle unentdeckt bleibt, rücken unsere Werkstoffprüfer an. Unsere Kollegen aus der zerstörungsfreien Werkstoffprüfung haben bereits die Außenhaut des Schiffs genau untersucht – teils mithilfe von Radiografie, teils mithilfe von Ultraschall. Und auch die Schweißverbindungen in den Tanks haben sie geprüft.
Damit keine Leitungen platzen und alles hält
Diesmal geht es um 21 Nähte in Rohren an Deck. „Dass die Außenhaut sauber verschweißt wird, ist immer wichtig. Gerade bei Tankern sind aber auch die Tanks und Verrohrungen essenziell. Unter Belastung dürfen keine Leitungen platzen, keine Nähte reißen. Genau deshalb ist auch unsere Arbeit so wichtig, weil hier im schlimmsten Fall Öl ins Meer gelangen könnte“, sagt Jochen Warntjen, erfahrener Prüfer, der bei uns die Aufträge disponiert. Er hat auch Henning und Thimo für diesen Auftrag zu Ferus Smit beordert.
Oben an Deck klettert Henning ins Rohrlabyrinth, um die zu untersuchenden Stellen zu erreichen. Er positioniert die Strahlenquelle, richtet den Kollimator aus, der die Strahlen bündelt, und legt Filme um die zu prüfenden Schweißnähte. Thimo prüft Rohrwanddicken und Zerfallstabellen der Strahlenquelle, rechnet Belichtungszeiten aus und dreht in sicherer Entfernung die Kurbel. Für wenige Sekunden werden Rohre und Nähte durchstrahlt.
Warum unsere Arbeit beginnt, wenn andere gehen
Deshalb beginnt die Schicht unserer Kollegen mit dem Feierabend der anderen. Sie brauchen das Schiff für sich, denn Strahlenschutz ist ebenso zentral wie das ‚Röntgen‘ der Nähte. Niemand soll unwissend in der Nähe der Strahlenquelle arbeiten, auch nicht unter Deck.
Immer wieder klettert Henning zwischen Rohren hindurch, legt Filme an. Und wenn genügend Aufnahmen zusammen sind, klettert er über das Treppengerüst zur Helling hinab, öffnet den Laborwagen, entwickelt die Filme, betrachtet sie vor einem Leuchtkasten akribisch. Thimo bereitet derweil auf Deck die nächsten Aufnahmen vor.
Naht um Naht, Aufnahme um Aufnahme arbeitet sich das Gespann vor, bis weit nach Einbruch der Dämmerung. So stellen Henning und Thimo sicher, dass die geprüften Schweißverbindungen sauber sind, bevor der Neubau am Sonnabend um 11 Uhr vom Stapel läuft.
Auch dann werden wieder Hunderte die Kaikanten rund um die Werft säumen und zusehen, wie der Rumpf ins Wasser gleitet und eine Welle durchs Leeraner Hafenbecken rollt. Wir wünschen dem Schiff allzeit gute Fahrt – über die Ostsee, wo der Spezialtanker künftig eingesetzt werden soll.
Teil des Teams werden
Wer Lust hat, selbst dort zu prüfen, wo Stahl später halten muss: Wir freuen uns über Verstärkung – zumal der Job als Werkstoffprüfer dank der Weiterqualifizierung im Job ideal für Quereinsteiger ist. Hier geht es zu unseren aktuellen Stellenangeboten.













