
Wie aus dem Nichts schießt die Stichflamme empor, faucht meterhoch aus einer Gasleitung in den grauen Himmel. Direkt am Baggerarm vorbei, der gerade noch mit seiner Schaufel darin hantiert und die unterirdische Leitung dabei beschädigt hat. Hitze wallt. Was tun? Der Instinkt sagt: löschen. Doch vielmehr gilt: zuerst denken.
Standards verinnerlichen, sicher handeln
Gas tritt aus, entzündet sich. Genau das ist der Moment, für den niemand dankbar ist – aber auf den alle vorbereitet sein müssen. Genau jetzt gilt es, nicht in Panik zu geraten, um die Gefahr zu beherrschen, die Havarie sicher in den Griff zu bekommen.
Und deshalb ist es elementar, die richtigen Schritte in solchen Ausnahmesituationen nicht nur zu kennen, sondern immer wieder zu üben. Und die Sicherheitsstandards zu verinnerlichen, die insbesondere für Technische Dienstleister wie uns, die in der kritischen Infrastruktur arbeiten, zentral sind. Wenn es um Arbeiten an oder in der Nähe von Netzanlagen geht, greifen etwa Regelwerke wie DVGW GW 129, DVE-AR-N 4224, DWA-M 129 oder AGFW-A FW 606. Sie schreiben Qualifikationen vor, Verantwortlichkeiten, Sicherheitsabstände, Kommunikationswege.
Genau deshalb sind unsere Kolleg:innen aus unserem Projektbüro in Bernau, die regelmäßig im Leitungsnetz Arbeiten verrichten, jetzt wieder im TSZ gewesen, dem Technischen Sicherheitszentrum des Kompetenzzentrums kritische Infrastruktur in Berlin und der Netzgesellschaft Berlin-Brandenburg. Eben dort ist auch die Stichflamme emporgeschossen. Es ist Training – aber eindrucksvolles.
Wie handeln, wenn eine Gasfahne brennt?
Was hier geübt wird, ist nicht Draufloslöschen. Man sieht, wie die Beteiligten Abstand halten, wie sie mit klarer Rollenverteilung agieren. Der Trainer erklärt Abläufe vor einer freigelegten Leitung in einer Holzverschalung – die Technik wird sichtbar gemacht, damit das Verhalten im Ernstfall automatisiert sitzt.
Eine brennende Gasfahne wird nicht reflexhaft erstickt. Solange Gas unter Druck austritt, ist eine sichtbare Flamme oft kontrollierbarer als unsichtbar austretendes Gas, das sich unbemerkt ausbreiten und explosionsfähige Gemische bilden kann. Das Ziel lautet: Gaszufuhr stoppen, Druck reduzieren, Gefahrenbereich absperren, Feuerwehr und Leitstelle alarmieren. Eigenschutz geht immer vor. Zumal brennendes Gas besser kontrollierbar ist. Trotzdem gehört es dazu zu wissen, wie man im Ernstfall selbst löscht. Und so zücken unsere Kolleg:innen unter Anleitung kontrolliert die Feuerlöscher. Schaum spritzt, der Brand erstickt.
Notfälle trainieren, weil im Ernstfall keine Zeit bleibt
Kritische Infrastruktur funktioniert nur, wenn die Menschen, die sie bauen, warten und reparieren, souverän handeln. Souverän heißt: wissen, wann man eingreift – und wann man es bewusst nicht tut.
Geschulte Mitarbeitende lernen, Gefahren zu erkennen, bevor sie entstehen. Sie wissen:
– wo Leitungspläne anzufordern sind
– wie Leitungsauskünfte zu lesen sind
– welche Mindestabstände einzuhalten sind
– wann Handschachtung statt Maschineneinsatz geboten ist
– wie Gaswarngeräte funktionieren
– wie elektrische Gefährdungen einzuschätzen sind.
Vor allem: Sie trainieren Notfälle. Weil im Ernstfall keine Zeit für Debatten bleibt.
Wer an Fernwärmeleitungen arbeitet, muss wissen, dass austretendes Heißwasser nicht nur Mitarbeitende gefährdet, sondern ganze Straßenzüge unterspülen kann. Wer an Hochspannung arbeitet, muss verstehen, dass Strom nicht nur dort wirkt, wo ein Kabel offenliegt, sondern auch über Schrittspannung im Erdreich. Wer an Gas-Hochdruckleitungen tätig ist, trägt Verantwortung für Menschen in Wohngebieten, für Krankenhäuser, für Industrieanlagen. Unsere Teams trainieren deshalb Szenarien, die idealerweise nie eintreten. Sie üben, wie und wo man richtig absperrt, gefährdete Areale evakuiert, Behörden informiert. Sie simulieren Leckagen. Sie wiederholen Checklisten. Aus Professionalität, damit das Wissen im Ernstfall umso besser sitzt. Denn kritische Infrastruktur bedeutet: Ein Fehler bleibt selten lokal. Er kann Versorgungsunterbrechungen verursachen, Produktionsausfälle, Umweltbelastungen, im schlimmsten Fall Verletzte oder Tote. Und er kann Vertrauen zerstören.
Sicherheit ist Haltung
„Sicherheit bei Bauarbeiten im Bereich von Netzanlagen ist für uns keine Pflichtübung, sondern Haltung, denn im Ernstfall zählt jede Sekunde und jede Entscheidung“, sagt Virginia Meenken. Sie leitet nicht nur unser Qualitätsmanagement, sondern arbeitet als zuständige Sicherheitsfachkraft akribisch am Bewusstsein aller für diese Themen. Sicherheit beginnt vor den ersten Arbeiten mit Planung, Leitungsauskunft und Gefährdungsbeurteilung. Sie setzt sich fort in klaren Verantwortlichkeiten, dokumentierten Abläufen, qualifiziertem Personal. Und sie zeigt sich im Ernstfall in ruhigem, souveränem Handeln.
Im Idealfall passiert nichts. Weil alle wissen, was sie tun. Und weil sie wissen, was zu tun wäre, wenn doch etwas geschieht.





