
„Hi! Sag: Watt willste?“
René bleibt freundlich, wenn das Telefon klingelt – auch wenn er sich vertieft. Aber dann ist die Stimme straffer, die Wörter sind kurz, die Sätze knapp: Pragmatisch regeln, was zu regeln ist – am liebsten zackig, um nicht rausgerissen zu werden. Gerade dann, wenn er kalkuliert. Worte ohne Umwege, klären, was ansteht – und sofort dorthin zurück, wo sein Kopf gerade arbeitet.
Wenn René in die Tiefen der Kalkulation abtaucht, Aufgaben und Arbeitsschritte umreißt, Kosten aufstellt, Zeiten abschätzt, treiben ihn Verantwortung und Ehrgeiz zugleich an. Verantwortung gegenüber seinem Team in Bernau, das er als Prokurist führt. Ehrgeiz, weil er den Anspruch hat, Lösungen zu finden, die funktionieren und die Komplexität eines Projekts wirklich durchdringen. „Es muss sich für uns rechnen, aber auch wettbewerbsfähig sein. Denn wenn’s ein guter Auftrag ist, willste den ja auch haben. Deshalb musste alles genau durchdenken.“
„Gehört für mich zum guten Miteinander: Immer reell sein.“
Jede unklare Annahme, jeder nicht aufgeführte Posten kann später Folgen haben. In Zeit, in Kosten, in Ärger. Will keiner. Kalkulation ist für René eine Art vorbeugende Fürsorge: Er schafft Klarheit für alle Seiten. „Vertrauen, gutes Miteinander, Verlässlichkeit. Ditt ist unglaublich wichtig“, sagt René. „Gehört für mich zum guten Miteinander: Immer reell sein. Nicht mit Dumping-Preisen als Billigheimer durch die Vordertür reinkommen und dann hintenrum nen Kosten-Rattenschwanz durch die Hintertür nachziehen.“
In diesem Satz steckt Renés Haltung – und die von tbd im Ganzen: klar, verbindlich, ohne Taschenspielerei. Wenn er kalkuliert, entsteht ein Bild, das der Realität standhalten soll.
Genau deshalb regt sich René an diesem Morgen auf: Die Submissionsergebnisse einer Ausschreibung für ein Projekt, um das er sich beworben hat, sind da. Also die Liste aller Mitbewerber mit den Summen, die sie fürs Erledigen der Arbeiten verlangen. Renés Augen flitzen über die Zahlenkolonnen. Die meisten Firmen sind nicht allzu weit auseinander. Aber da ist diese eine Firma, die deutlich nach unten abweicht. „Kiekt Euch ditt mal an“, sagt René in Richtung unserer Trainees in der Projektleitung, Johann und Mohamed. „Ditt is doch irre.“
Eine Firma, deren Sitz deutlich entfernt liegt, ruft nur zwei Drittel des Preises auf, den er selbst kalkuliert hat. Und nur die Hälfte des Angebots weiterer Mitbewerber. „Ditt haut doch vorn und hinten nicht hin! Die haben ne riesen Anfahrt, müssen alles hierher schaffen, Unterkünfte für die Leute bezahlen, Auslöse – ditt kommt ja alles noch dazu. Und statt teurer zu sein, sindse mit weitem Abstand die billigsten beim Angebot. Ditt is doch nich reell!“, schimpft er.
Er sagt in Richtung von Johann und Mohamed: „Da gibt et vor allem zwee Erklärungen: Die wollen auf Teufel komm raus Arbeit, auch wennse sich nicht rechnet. Oder: Sie brauchen den Auftrag unbedingt für’ne Rezertifizierung. Und nehmen Verluste als unternehmerische Entscheidung in Kauf – weil sie den Auftrag dafür brauchen.“
Preise sollen der Wirklichkeit standhalten
Wettbewerb reizt René. Aber wenn jemand mit einem Preis auftritt, der sich nur erklären lässt durch existenziellen Druck, strategisches Unterbieten oder bewusst lückenhafte Kalkulation, dann stört es nicht seine Eitelkeit, sondern sein Bedürfnis nach Integrität. Es ist das Wissen, dass solche Preise selten halten – und am Ende alle verlieren: der Kunde an Vertrauen und Geduld, die Branche an Ansehen.
Johann und Mohamed verfolgen interessiert, wie René sich in Rage redet. „Ich fände ja super, wenn wir in Deutschland bei der Vergabe dieselben Modelle wie in Norwegen oder Schweden hätten“, sagt er. „In Norwegen kriegt immer das zweitbeste Angebot den Zuschlag – nicht das billigste. Und in Schweden gebense das Material vor, nehmen alle Angebote – und wer am nächsten am Durchschnitt liegt, kriegt den Auftrag. Da musste Dir viel mehr Mühe beim Kalkulieren geben, reeller rechnen. In Deutschland kriegt immer mal wieder der den Auftrag, der am Anfang am billigsten scheint – auch wenn ditt am Ende gar nicht mehr stimmt, wenn der sich datt Geld hintenrum über Nachträge reinholt.“
Rund drei Wochen sind Johann und Mohamed vom Hauptsitz in Friedeburg nach Bernau gekommen, besuchen mit René Baustellen, lernen die Kollegen kennen, packen selbst mit an – und immer wieder nimmt der Rohrleitungsbauer sich Zeit, um die angehenden Führungskräfte in die Tiefen guter Kalkulation einzuweihen. Und in die Software dafür. Basics: Herstellkosten einer Baustelle, Baustellen-Allgemeinkosten, allgemeine Geschäftskosten, Wagnis, Gewinn.
„Ich habe ein deutlich tieferes Grundverständnis gewonnen.“
Johann sagt: „Er hat uns alles ruhig gezeigt, auch in der Tiefe. Er hat uns super Bücher empfohlen, hat uns an die Hand genommen und tolle Tipps gegeben.“ René hat ihnen auch vermittelt, was wirklich zählt: redlich sein und sich wechselseitig vertrauen können. Johann fügt an: „Das alles hat echt viel gebracht. Ich habe ein deutlich tieferes Grundverständnis gewonnen, hinterfrage Positionen in Leistungsverzeichnissen, und wenn ich kalkuliere, schwirrt wie ein Hintergrundrauschen mit, was ich bei René gelernt habe, und ich frag mich: Wie würde er das angehen? Das bringt wirklich weiter. Wir wollen ja auch mit klugen Kalkulationen gute Aufträge einwerben.“ Zu Ende gedacht, fair und reell allen Seiten gegenüber – wie René. Der sagt: „Ditt Jute is ja: Selbst wenn wir nicht das System haben wie in Norwegen oder Schweden – auch hier gibt es bei Auftraggebern ja Leute, die kalkulieren können. Die erkennen, was reell gerechnet ist und was nicht. Und die dann dem besten Angebot den Zuschlag geben, nicht dem vorab billigsten.“ Klappt natürlich nicht immer. „Ditt is eben Wettbewerb“, sagt René.
Genau dafür vertieft René sich immer wieder – und wer ihn anruft, erkennt, wann. Und hält sich selbst kurz. Denn wer ihn kennt, weiß: Wenn es darum geht, reell fürs Team und die Kunden zu rechnen und alles zu durchdenken, stört man René lieber nicht.





