
Gut, dass Dietmar dabei ist. Und dass Theo keine Höhenangst hat. Er steckt, gut gesichert, im Korb der Arbeitsbühne – knapp unter der Decke einer Lager- und Werkshalle. Unter ihm sirrt und klackert es, Menschen in Blaumännern bedienen CNC-Fräsen, stellen Hydraulikzylinder her. Theo aber hantiert meterhoch über ihren Köpfen mit Messgeräten. Dietmar hat aufgepasst und Theo Kommandos zugerufen, damit der inmitten der engen Regalfluchten nirgendwo anstößt. Zentimeterarbeit. Alternativlos.
Direkt oberhalb der Stahlreihen hängt ein Dunkelstrahler – ein flacher Erdgas-Verbrenner, der Hitze von oben verteilt und dafür sorgt, dass die Arbeiter unten im Winter nicht frieren. Und damit das so bleibt, ist Theo im Einsatz: Denn noch stammt das Erdgas, das in den Brennern verbraucht wird, aus Feldern in den Niederlanden. L-Gas („low calorific gas“) nennt man es, weil es beim Verbrennen weniger Energie freisetzt.
Marktraumumstellung: Künftig mehr Kalorien in den Brennerdüsen
Weil die Felder in den Niederlanden weitestgehend ausgebeutet sind, wird die Förderung bis 2029 drastisch gedrosselt und perspektivisch eingestellt. Also muss das Netz umgestellt werden: auf H-Gas („high calorific gas“), das vor allem aus Norwegen, Großbritannien oder als LNG aus Übersee kommt. Mehr Energie pro Kubikmeter – gut für die Versorgung, aber nur dann ungefährlich, wenn alle Geräte darauf eingestellt sind. Jede Düse, jede Flamme, jeder Brenner muss so konfiguriert sein, dass das Gas sicher und sauber verbrennt – Herde in Küchen, Heizungen zuhause und auch Dunkelstrahler in Werkshallen. Ist das nicht der Fall, droht Lebensgefahr, weil nicht umgerüstete Geräte unvollständig verbrennen und dann das geruchslose Atemgift Kohlenmonoxid austreten kann.
Genau deshalb kommen Theo, Dietmar und ihre Kollegen immer zweimal. Jetzt, im ersten Schritt, hat Theo vor allem hoch empfindliche Gas-Messgeräte und ein Tablet mit Kamera im Korb. „Mit der Messtechnik erfasse ich die Abgaswerte – wie sauber das Gerät verbrennt, bei Niedrig- und Volllast. Und dann fotografiere ich die Messwerte, aber auch das Typenschild: Das ist wichtig, damit später die richtige Düse eingebaut werden kann.“ Für jeden einzelnen Dunkelstrahler, für jedes einzelne Gasverbrauchsgerät muss Theo das machen.
Theo misst, Dietmar passt auf
Während der schwindelfreie gelernte Heizungsbauer oben in der Kanzel gut gesichert mit Messgeräten und Kamera hantiert, übernimmt Dietmar unten die Dokumentation – und hat zugleich immer ein Auge auf seinen Kollegen: „Ich passe auf, dass nichts passiert. Ich passe auf Theo auf – falls gesundheitlich was sein sollte, oder die Hebebühne spinnt, bin ich da. Und zwischendurch müssen die Geräte auch ein- und ausgeschaltet werden. Das kann ich leichter und schneller von unten regeln, als wenn Theo jedes Mal dafür runter- und wieder rauffahren müsste.“ Von der Hilfe beim Rangieren zu schweigen. Dutzende Male wiederholt sich der Ablauf in der Werkshalle – und immer wieder rangieren Theo und Dietmar sorgsam, während unten die Produktion weiterläuft.
Einsatz in vielen Privathäusern
Dasselbe macht auch Frank, einige Kilometer entfernt – nur dass er nicht in die Kanzel einer Hebebühne klettern muss, sondern allein bei Privathäusern klingelt, um dort die Typen und Abgaswerte der Thermen zu erfassen. „Bitte drehen Sie mal alle Heizkörper auf volle Pulle“, sagt er zum Hausbesitzer. Der stutzt. „Ich muss die Abgaswerte bei Volllast messen“, erklärt Frank. Kurz darauf misst er auch nochmal bei Niedriglast. „Alles gut“, sagt Frank beim Blick aufs Display des Messgerätes.
Wenn wegen Lebensgefahr die „rote Karte“ kommt
Wäre die Therme falsch eingestellt und würde unsauber verbrennen, müsste er sie aus Sicherheitsgründen sogar sofort sperren: Weil auch hier Lebensgefahr durch austretendes Kohlenmonoxid droht. Dann müsste Frank sofort den Gashahn abklemmen. Der Brenner erhielte die „rote Karte“ – bis Mängel abgestellt oder im Extremfall das Gerät getauscht ist. Frank ist allein im Einsatz – so wie auch Theo und Dietmar, wenn nicht gerade Dunkelstrahlerprüfungen anstehen. Zu zweit sind unsere Kollegen nur da, wo es technisch und aus Sicherheitsgründen unverzichtbar ist.
Riesiger Aufwand
Millionen Haushalte, Unternehmen, Behörden sind von Erfassung und Austausch der Düsen betroffen, denn fast ein Drittel des in Deutschland verbrauchten Erdgases – insbesondere im Westen und Nordwesten – stammte in den vergangenen Jahrzehnten aus den Niederlanden. In Ostfriesland und in großen Teilen des Nordwestens verantwortet der Gasnetzbetreiber EWE Netz die gesetzlich vorgeschriebene Erdgasumstellung. Überall in Deutschland, wo künftig Erdgas verbraucht wird, wird es nur noch H-Gas sein. Bis 2027 soll die Umstellung geschafft sein. Viel Arbeit für unsere Kollegen.
Der zweite Besuch: Auf zum Tausch der Düsen
Während die Erfassung in der Produktionshalle frisch erledigt ist, sind Dietmar und Theo jetzt bei einer Werkstatt im Einsatz: Dort waren die beiden schon im vorigen Jahr, und diesmal hat Theo neben Messgerät und Tablet mit Kamera auch noch passendes Werkzeug – Maulschlüssel, Schraubendreher, Pumpenzangen, falls Verschraubungen festsitzen – und neue Düsen im Gepäck. Auch hier hängen die Dunkelstrahler luftig hoch. „Zum Glück ist es hier aber nicht so eng, hier hat man mal wirklich Platz“, sagt Theo. Er setzt das Werkzeug an, entfernt vorsichtig die alte Düse, setzt die neue ein, verschraubt alles sorgsam, nimmt das Messgerät, „schnüffelt“ alle Verbindungen ab: sichergehen, dass auch alles dicht ist und kein Gas entweicht. „Schalt‘ mal ein“, ruft Theo nach unten. Wenig später glüht der Strahler auf. Theo greift sich das Messgerät erneut, nimmt Abgaswerte. „Passt!“, ruft er kurz darauf nach unten. Auf zum nächsten Strahler – in dieser Werkstatt sind es noch drei. Und morgen die nächste Halle, die nächste Düse, der nächste Kunde. Bis 2027.














